Peter Haas

Am 7. Juli 2006 bekam ich über unsere Vereinsanschrift im Internet eine E-Mail aus den Niederlanden. Der Autor, Adrianus van Steijn, gab sich als ehemaliger Zwangsarbeiter der D.A.G. zu erkennen und erbat ein Foto des ehemaligen Saales Mörsch an der Kirchstraße, denn dort habe er während seines Aufenthalts in Troisdorf gewohnt.
Ich schickte ihm das erbetene Bild und die vom Stadtarchiv im Januar 2000 herausgegebene Schrift „Zwangsarbeiter in Troisdorf“. Mit einem Dankschreiben verknüpfte er die Mitteilung, er habe einen 23-seitigen Bericht über seinen Aufenthalt in Troisdorf verfasst. Als ich diesen erbat, bekam ich ihn postwendend zugeschickt. Der Troisdorfer Gerrit Dekker, gebürtiger Niederländer und mit Ursula Gliss-Dekker verheiratet, war so freundlich, die Erinnerungen Herrn van Steijns ins Deutsche zu übersetzen.



Bericht des Niederländers Harrie van Steijn über seine Zwangsarbeit 1942 in Troisdorf
„Deutschland nahm mir die Jugend und gab mir ein Trauma“


Es war Mai 1942, die Niederlande waren bereits zwei Jahre durch die Deutschen besetzt. Deutschland brauchte an allen Fronten und in den besetzten Gebieten viel Militär. Immer mehr Menschen wurden der Kriegsindustrie entzogen, und viele Arbeitsplätze in Industrie und Landwirtschaft waren nicht mehr besetzt. Der Kriegsindustrie, die mit Höchstleistung produzieren musste, fehlten viele Arbeitskräfte. Diese Lücken musste durch Menschen aus den besetzten Gebieten aufgefüllt werden. Auch in den Niederlanden wurden Menschen gezwungen, in Deutschland zu arbeiten.
Die Besatzer besuchten die Betriebe, und anhand der Personallisten wurde in Überlegung mit der Direktion eine Anzahl Menschen bestimmt, die sich im Arbeitsbüro für die Abreise nach Deutschland zu melden hatten.
Ich war in einer Stahlmöbelfabrik beschäftigt, und auch da mussten einige Mitarbeiter fortgehen, auch mich traf das Los. Die Fabrik durfte uns nicht länger beschäftigen, und am 9. Mai 1942 wurden wir dort entlassen. Nach Anmeldung auf dem Arbeitsamt in Oosterhout mussten wir zuerst gemustert werden. Jeder hatte Beschwerden, um evtl. für untauglich erklärt zu werden. Es spricht für sich, dass Ausreden wie Magen- und Rückenbeschwerden nicht halfen. Aber wenn beim Musterungsarzt Zweifel aufkamen, dann wurde man zur näheren Untersuchung weiter in ein Krankenhaus oder zum Spezialisten geschickt, der dann mal eben dein Innerstes nach Außen kehrte mit allen diesbezüglichen Unannehmlichkeiten. Nach der Musterung wurden dann die Papiere ausgestellt wie: Pass und weitere Reisedokumente. Der Verschickung war praktisch nicht zu entkommen. Diejenigen, die das Risiko nahmen unterzutauchen, setzten sich der Gefahr der Repressalien gegen ihre Familienangehörigen aus. Gleichzeitig mussten alle Bezugsscheine für Lebensmittel abgegeben werden, wodurch es in einer Zeit, in der alles auf Bezugsscheine verkauft wurde, fast unmöglich war, ohne Hilfe am Leben zu bleiben; niemand wusste auch, wie lange der Krieg noch andauern würde.
Später sind aber doch Untergrundorganisationen entstanden, die für Untergetauchte Lebensmittelkarten und falsche Legitimationsdokumente besorgen konnten. Wie jedoch später festgestellt wurde, wurden mehr als 200 000 Männer nach Deutschland als Zwangsarbeiter abtransportiert.
Zuhause waren sie nicht damit einverstanden, dass ich in solch jungem Alter nach Deutschland geschickt wurde. Ich war gerade 17 Jahre, während man davon ausging, dass niemand unter 18 fortgehen musste.
Mutter ging zum Bürgermeister, um die Verschickung rückgängig machen zu lassen, was aber nicht gelang. Selbst fand ich es nicht so schlimm und sah es mehr als ein Abenteuer. Ich wusste nicht, welches Schicksal mich erwartete. Nach einigen Tagen waren die Formalitäten für die Abreise geregelt. Die meisten Deutschlandgänger ließen sich hölzerne Koffer machen, die konnten etwas aushalten, es waren übrigens für so viele Menschen keine richtigen Koffer in den Läden zu kaufen. Mutter hatte für mich selbst eine Art Seesack gemacht. Da ging mein ganzes Hab und Gut hinein, und das war nach zwei Jahren Besatzung nicht viel. Bekleidung war knapp. Glücklicherweise stand der Sommer bevor, und jeder hoffte, vor dem Winter wieder zuhause zu sein.
Geld gab es auch nicht viel, aber die Reise und die Aufenthaltskosten waren kostenlos. In Deutschland würde man auch ganz normal einen Lohn für die Arbeit bekommen. Bei den Armseligkeiten, die ich mitnehmen konnte, war wohl ein Rosenkranz; der wäre nach Aussage der Zurückgebliebenen wohl erforderlich. Es flogen nachts so viele Flugzeuge aus England über die Niederlande nach Deutschland, um ihre Bombenlast abzuwerfen, dass bestimmt gebetet werden müsste.
Mitte Mai war der Augenblick der Abreise gekommen. Niemand wusste, wohin und wie lange, im Moment der Abreise war alles noch unklar.
Das Abschiednehmen war sehr kühl, es war gerade so, als ob man nur für einen Tag von zu Hause wegginge; keine Tränen, auch wenn niemand wusste, ob du je wieder zurückkommen würdest. Die Gefahren, die es in Deutschland durch Bombardements gab, waren sehr groß. In Breda in der Cattarinastraat musste ich mich melden. Hunderte Männer verschiedenen Alters sammelten sich da. Väter und Mütter kamen, um sich von ihren Söhnen, Frauen und Kindern, um sich von ihren Männern oder Vätern zu verabschieden. Letzteren fiel es besonders schwer.
Wenn man noch ausreißen wollte, dann sollte es jetzt geschehen, nachdem eine Art Appell anhand von Transportlisten durchgeführt war. Danach ging es zu Fuß in Kolonnen zum Bahnhof von Breda.
Auf dem Bahnhof stand ein Sonderzug für den Transport hunderter Männer bereit, die gezwungen waren, die Niederlande und ihre Familien zu verlassen, um in der Fremde für den Feind zu arbeiten. Es war klar, dass die Reise uns anfänglich nach Süden führte, denn via Tilburg und Eindhoven, wo noch mehr Männer einstiegen, ging es bei Venlo über die Grenze.
Kurz hinter der Grenze wurde gehalten, wir mussten den Zug verlassen, es gab eine Passkontrolle. Übernachtet wurde in Kaldenkirchen, es war für Essen gesorgt. In Kaldenkirchen wurde die Gruppe aufgeteilt in mehrere kleinere Gruppen, die in verschiedene Richtungen nach Deutschland weiterreisten. Die Gruppe, zu der ich gehörte, reiste mit einem Personenzug weiter; über Düsseldorf kamen wir nach Köln. Der erste Eindruck, den ich von dieser Stadt bekam, war, dass rund um den Bahnhof viele Häuser in Trümmer lagen oder schwer beschädigt waren. Der Kölner Dom stand wie ein Riese dazwischen ohne sichtlichen Schaden.
In Köln mussten wir umsteigen in einen Bummelzug, der uns über den Rhein brachte, entlang der Bahnstrecke gab es viel Industrie, nach einer guten halben Stunde kamen wir zu unserem Bestimmungsort, und das war Troisdorf.
Auch wenn die Entfernung von den Niederlanden nicht so enorm war, erschien es für mich trotzdem, als hätte ich fast die Welt verlassen. Wenn man überlegt, dass es die erste Reise mit einem Zug war und man in Holland nie weiter als Rotterdam gekommen ist, ist Köln doch weit von zu Hause entfernt. Die Gruppe, die aus Breda übrig geblieben war, könnte etwa fünfzig Mann groß gewesen sein. In zwei Räumlichkeiten wurde sie untergebracht. Ein Teil kam in das „Deutsche Haus“, eine Wirtschaft mit einem Saal, und mein Teil kam auch in eine Wirtschaft mit einem Saal, „Mörsch“ genannt. Unsere Unterkunft war eine Art Theatersaal, ausgestattet mit übereinander angebrachten Holzpritschen, versehen mit einem Strohsack und zwei Decken, weiter hatte jeder einen schmalen Schrank zum Einräumen seines Eigentums. Mit Ausnahme der Bühne, wo kahle Tische und Stühle standen, gab es weiter keinen Komfort.
Wir wurden empfangen durch einige unfreundlich aussehende Deutsche, später stellte sich heraus, dass es Lagerleiter waren. Ich bekam einen Schlafplatz auf einer oberen Pritsche zugewiesen. Der ganze Saal stank nach Lysol; wir waren nicht die ersten Bewohner, es gab da schon länger Limburger, die uns über die Erfahrungen bei der Arbeit im Lager erzählten. Es waren keine optimistischen Erzählungen. Das Essen würde schlecht und wenig sein, die Arbeit widerlich und schmutzig, strenge Regeln, mit anderen Worten: kein „Schlaraffenland“. Zu der Zeit als wir unsere erste Mahlzeit bekommen sollten, wurden wir versehen mit zwei Essnäpfen, blau emaillierten Näpfen ohne Henkel oder Stiel, für Besteck musste man selbst sorgen, was ich glücklicherweise getan hatte; diejenigen, die nicht dafür gesorgt hatten, mussten welches leihen. Zwei Essnäpfe, einer für Suppe und einer für Kartoffeln. Das Essen wurde durch den Lagerleiter verteilt. Es gab beim Lager keine Küche, sondern das Essen kam in großen Kübeln aus der Werksküche. Vorher hatten wir noch eine Essenskarte erhalten, die bei jeder Verteilung gelocht wurde, damit sich niemand eine Extraportion holen konnte. Das erste Mal war eine schwere Enttäuschung, die Suppe war eine glasigem Tapetenkleister ähnliche Substanz, während der andere Napf mit einem Schlag Steckrübenbrei gefüllt wurde, Fleisch war nicht dabei. Für den nächsten Tag wurde Brot, ein Stückchen Wurst und ein noch kleineres Stückchen Butter ausgegeben, das war alles für den nächsten Tag. Die meisten gerade angekommenen Menschen konnten weder die Suppe noch den Steckrübenbrei runterkriegen, aber diejenigen, die schon länger da waren, hatten keine Mühe damit, uns von unserer Portion zu befreien.
Dass es auch uns irgendwann schmecken würde, darauf konntest du Gift nehmen. Diejenigen, die von zu Hause noch etwas mit hatten, aßen das, und diejenigen, die das nicht hatten, aßen das Brot für morgen.
Am ersten Tag blieben wir im Lager und legten uns müde von der Reise und den ersten Eindrücken des Lagers auf den Strohsack, um am nächsten Tag in den Betrieb zu gehen. Nach der ersten Nacht auf dem Strohsack wurden wir durch den Aufseher geweckt; es war ein Mann in schwarzer Uniform, er hatte nur einen Arm und war doch noch sehr jung, wahrscheinlich ein Kriegsopfer, der an der Front verletzt wurde.
„Aufstehen!“ brüllte er durch den Saal, und überall sah man, wie sich die Leute rührten, zum ersten Mal gingen wir uns waschen in einem schmutzigen und stinkenden Waschraum, auch die „Scheißkästen’“ waren widerlich und schmutzig, unter der Brille stand eine Tonne, die geleert wurde, wenn sie voll war. Das war keine tägliche Arbeit, der Tonnenwagen kam nur einige Male in der Woche.
Das Brot, das wir bei der Ankunft erhalten hatten, war für das Frühstück bestimmt, und wenn man noch etwas übrig hatte, konnte man es für die morgendliche Pause mit in die Fabrik nehmen. Durch den Lagerleiter wurde Surrogat-Kaffee verteilt, mit einer großen Kelle schöpfte er etwas in den Essnapf. Inzwischen war uns durch Männer, die bereits länger da waren, erzählt worden, dass wir in einer Dynamit-Fabrik beschäftigt werden sollten.
Zwanzig Minuten zu Fuß entfernt befand sich die Fabrik, es schien ein sehr großer Betrieb zu sein mit mehr als 1.000 Mann Personal. Der erste Eindruck beim Erblicken der Fabrik war, als ob es eine Stadt wäre. Große Gebäude mit Asphaltwegen, überall Rauch und Dampf, Autos und Züge fuhren durchs Gelände, Wägelchen wie an Bahnhöfen fuhren hin und her.
Zwischen Grün und Bäumen befanden sich hohe Erdhügel, unter denen sich Schutzkeller aus dickem Beton befanden; in diesen Kellern sollten wir noch manches Stündchen verbringen. Zuerst wurde von jedem ein Foto gemacht, man musste sich an eine weiße Wand stellen, über den Kopf wurde eine Nummer geschrieben; für mich war das die Nummer A18029, diese Nummer erschien auf jedem deiner Dokumente und Legimitationsbeweise, auch auf der Werkskleidung, ohne diese Nummer war es unmöglich, den Betrieb zu betreten oder zu verlassen, auch für Magazinwerkzeug bekam ich Blechmarken mit dieser Nummer. Der offizielle Namen des Betriebes war Dynamit Actiengesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co., Troisdorf.
Alfred Nobel war der Erfinder des Dynamits, von Geburt kein Deutscher, aber Schwede, 1865 hatte er in Deutschland diese Fabrik gegründet.
Nachdem die Erfassungspapiere fertig gestellt waren, musste man beim Personalchef erscheinen, in einem prächtigen Büro wurde man danach befragt, was man in Holland an Arbeit verrichtet hatte. Das Gespräch verlief nicht ohne Schwierigkeiten, weil niemand das technische Deutsch, das da gesprochen wurde, richtig verstand. „Was hast Du in Holland für Arbeit gemacht?“ war die Frage des Herrn hinter dem Schreibtisch. „Ich was bankwerker“, war meine Antwort. Von „bankwerker“ (zu deutsch : Schlosser, Anm. d. Übers.) hatten sie anscheinend noch nie etwas gehört, denn er fragte wieder „Sind Sie denn Schlosser?“ und wieder fuhr er fort mit Fragen, weil ich keine Antwort geben konnte. Wusste ich, was Schlosser hieß? Nächste Frage: „Was für Produkte haben Sie denn hergestellt?“ Nun wurde es mir doch etwas deutlicher; ich zeigte auf den Stahlschrank im Büro und sagte: „stalenmeubelen“, worauf er sagte: „Ach so, dann sind Sie Klempner“ und so verließ ich als „Klemfer“ sein Büro. Es kam mir vor, als ob das lebensgroße Führerfoto Hitlers, das da an der Wand hing, mir von unter seiner Mütze mit einem Gesicht voller Schadenfreude nachsah, weil ich nicht wusste, was ein „Klemfer“ war.
Der Deutsche, dem ich überlassen wurde, war der Meister der Klempnerei. Er gab mir die Hand und sagte: „Ich bien de meister, und du komst bij mir arbeiden“. Der Meister war der Chef, und so sah er dann auch aus. Er trug eine Schiffermütze und hatte eine kurze blaue Jacke an, am Revers trug er eine kleine Anstecknadel mit einem Hakenkreuz. Zuerst musste ich mit ihm ins Magazin, da bekam ich einen dicken kamelhaarigen Anzug und Schuhe mit hölzernen Sohlen. Das war Arbeitskleidung, die unbedingt bei der Arbeit in der Fabrik getragen werden sollte. Noch immer wusste ich nicht, was ich als „Klemfer“ zu tun hatte, aber es dauerte nicht lange, bis er eine Schiebetür öffnete und ich in einer Werkstatt stand, wo Blechverkleidungen hergestellt wurden. Sofort kam ein junger Mann auf mich und den Meister zu, er streckte seine Hand hoch und grüßte den Meister mit Heil Hitler. Das schien normal zu sein. Nicht normal war, dass der junge Mann mich auf Holländisch ansprach und sagte: „Jij komt voorlopig bij mij te werken, dat heeft de meister zo afgesproken“ („Du wirst vorläufig bei mir arbeiten, das hat der Meister so bestimmt“, Anm. d. Übers.). „Ja“, sagte ich, beide sprachen sie auf deutsch noch eine Weile miteinander. Der Meister ging weg und ließ mich mit dem Holländer zurück. Er stellte sich vor, sein Name war Wendel, er kam aus Rotterdam und war freiwillig nach Deutschland gekommen. Er blieb nur noch einige Wochen und würde dann freiwillig der Waffen-SS beitreten. Er hatte für die restlichen Wochen vom Meister den Auftrag bekommen, mich einzuweisen. Es hieß aufpassen bei diesem Rotterdamer Arschkriecher; er war noch fanatischer als selbst viele Deutsche. Die Arbeit bestand aus Reparaturmaßnahmen an Abgasrohren und Entlüftungskanälen in sehr aggressiver Umgebung mit Explosionsgefahr, in sehr ungesunder Luft und bei sehr hohen Temperaturen; der kamelhaarige Anzug wurde nicht umsonst ausgegeben. Nach einigen Wochen kam man dahinter, in welcher Art Kriegsindustrie man gelandet war, einige tausend Arbeitnehmer, verteilt über zig Abteilungen. Es gab fünf Eingangstore, nur mit einem speziellen Werkspass hatte man Zutritt und dann auch nur durch das Tor, das auf dem Pass vermerkt war. Von den Menschen, die mit mir aus Holland abgereist waren und auch in demselben Betrieb arbeiteten, sah ich nie jemanden. Nur an seinem Arbeitsplatz durfte man sich aufhalten. Der Betrieb hatte eine eigene Werksfeuerwehr, eigene Werkspolizei, eigene Werksärzte, es wurde Tag und Nacht in Schichten gearbeitet. Es gab moderne Kantinen und Waschräume. Die deutschen Arbeitnehmer kamen als Herren gekleidet und gingen auch nach der Arbeit wieder sauber angezogen und gewaschen nach Hause. Das war in Holland schon etwas anders, schmutzig und verdreckt in Arbeitskleidung ging man nach Hause, es gab weder Umkleide- noch Waschgelegenheit. Es wurde im Betrieb nicht nur Dynamit hergestellt, sondern auch Granaten und anderes Kriegszeug. Unbewusst arbeiteten wir mit an Produkten, womit Menschen direkt vernichtet wurden. Rauchen und Zündhölzer bei sich tragen, war strengstens verboten. In den Werkshallen standen die modernsten Maschinen, bedient durch Fachleute. Nach einigen Wochen konnte ich glücklicherweise als Handlanger bei einem Deutschen anfangen, und Wendel verschwand aus dem Blick. Später hieß es dann, dass er sein Beitreten zur Waffen-SS mit dem Leben bezahlt hat.
Der Deutsche, dem ich als Gehilfe unterstellt war, stellte sich vor als Hannes Götsje (Götsche?), er schien ein stiller, in sich gekehrter Mann zu sein, nicht der Typ des laut schreienden „mof“ (niederl. Schimpfwort für einen Deutschen, Anm. d. Übers.). Zusammen arbeiteten wir beim Auswechseln von Ventilationshauben oben auf einer großen Halle. Die alten Hauben, gefertigt aus galvanisiertem Blech, waren von den Abgasen aus der Halle, total zerfressen. Es war die Halle, in der bei hohen Dampftemperaturen Schießwolle behandelt wurde. Das Zeug war so gefährlich und ungesund für den Menschen, dass die Deutschen die Arbeit von Gefangenen verrichten ließen. Hannes Götsje war ein Fachmann, und er wollte, dass auch ich etwas von seinem Fachwissen mitnahm.
Morgens und mittags gab es eine Pause, die morgendliche Pause war für die Ausländer nicht mehr als nur eine Viertelstunde in der Kantine rumhängen, zu essen gab es nichts. Für die Mittagspause gab es zur Essenseinnahme für die Ausländer ein besonderes Gebäude. Was da aufgetischt wurde, war sehr schlecht, meistens nur Kohlsuppe, manchmal Steckrübenbrei oder nur gekochte Kartoffeln in der Schale, mehr nicht. Hinter den großen Kesseln standen dann ausländische Frauen, und jeder bekam drei oder vier, wie man in Deutschland sagt, Pellkartoffeln. Wenn man selbst für etwas Salz oder Senf sorgte, schmeckte es noch nach etwas, ohne das waren sie fade. Es konnte passieren, dass faule dazwischen waren, und wenn man dann der Betroffene war, hatte man Pech, es konnte nicht umgetauscht werden. Die Damen, die sich um die Verteilung kümmerten: Belgierinnen und Französinnen, gaben ihren Landsleuten oft die besten und die größten Kartoffeln. Es war ein Glück, dass Hannes mir ab und zu etwas zu essen gab, es war nicht viel, aber mit einem Butterbrot war ich schon froh. In den Läden war für Ausländer nichts oder wenig zu kaufen, alles gab es in Deutschland auf Karten. Die Rationen waren für sie großzügiger als in den besetzten Gebieten. Als Ausländer konnte man von den Deutschen nur für irgendwelche Arbeiten etwas Nahrung bekommen. So konnte man bei jemandem im Garten arbeiten, Kohle in den Keller schleppen, was dann meistens mit Brot vergütet wurde.
War die Arbeit während des Tages noch erträglich, so gab es außerhalb der Arbeit ein Meer von Zeit. Was gab es für den Ausländer an Erholung? Nichts, absolut nichts, es waren dann auch lange Abende und sicherlich die Samstagnachmittage und der Sonntag. Zu Hause war man gewohnt, sonntags in die Kirche zu gehen, auch hier ging man in die Kirche. Als Katholik war man ja verpflichtet, bei Strafe der Todsünde die Sonntagsmesse zu besuchen. Die Kirche war nur einige hundert Meter vom Lager entfernt, das war ein Glücksfall, nicht nur für die Besuche der Sonntagsmesse, sondern unter der Kirche war ein öffentlicher Schutzkeller; als Bewohner des Lagers mussten wir bei Fliegeralarm dahin. Die Kirche wurde von den Deutschen sonntags stark besucht, und es gab eigentlich wenig Unterschied zu Holland. In Holland waren die Sitzplätze gemietet, und diejenigen, die keinen Platz bezahlen konnten, blieben hinten stehen oder setzten sich auf die Gemeindebänkchen, die waren kostenlos. Weil ich auch in Holland hinten in der Kirche stand, tat ich hier das Gleiche, aber kaum in der Kirche, kam schon jemand auf mich zu, um mir einen Sitzplatz anzuweisen. So saß ich am ersten Sonntag auf einem geräumigen Platz zwischen schwarz gekleideten Menschen und Kindern. Das Beten und auch die Predigt kamen in unverständlichen Klängen auf mich zu. Der Rosenkranz war das einzige Mittel zu beten, aber die Umgebung ließ mich davon abschweifen. Wie war es möglich, dass diese Deutschen hier in der Kirche devot beten konnten, während ihre Männer und Söhne an den Fronten, ohne eine Miene zu verziehen, unschuldige Menschen mit ihrem Kriegszeug umbrachten. Vielleicht beteten sie sogar für Hitler, in den Niederlanden beteten wir ja auch für unser Königshaus. Wie kann man sich da als Ausländer einen Reim drauf machen? Dieselbe Kirche wie in Holland, dieselbe Messe, dieselben Gebete in Latein, aber das Gebet für den Führer musste doch sicher nicht von ihren Feinden mitgebetet werden. Komisch aber wahr, die Feinde saßen zusammen in einer Kirche, obwohl gerade die katholische Kirche für die Einheit der Völker steht. Viel Zeit, um darüber zu philosophieren, hatte ich nicht, denn die Kollekte meldete sich an, ich verfügte noch nicht über deutsches Geld, und weil ich in Holland immer gewohnt war, einen Cent zu opfern, tat ich das auch hier, konnte der Pastor doch sehen, dass ein Holländer in der Kirche gewesen war. Ein „dubbeltje“ (10-Cent-Stück, Anm. d. Übers.) und dann noch mit dem Bildnis der Königin drauf in die Kollekte zu geben, wäre wohl zu viel des guten. Die deutschen Kirchgänger gaben großzügig, es war alles Papiergeld, sicherlich weggenommen, denn auch in Holland nahmen die Deutschen alles mit. Beim Verlassen der Kirche fiel mein Auge auf eine Plakette, darauf standen die Namen der Gefallenen aus dem ersten Weltkrieg. Angesichts des vielen schwarz, das durch die Frauen als Zeichen der Trauer getragen wurde, würde sicher noch so eine Plakette für diesen Krieg dazu kommen. Nach der Messe standen noch viele auf dem Kirchplatz in Grüppchen und unterhielten sich, eigentlich gab es zwischen den Deutschen und den Holländern auf dem Gebiet der Kirchgewohnheiten wenig Unterschied.
Es sollte nur einige Sonntage dauern, dann war der Kirchgang, der gewohnheitsmäßige Kirchgang beendet. Nur bei Fliegeralarm gingen wir unter die Kirche. Das sollte noch oft, und dann bei Nacht passieren.
Der Kontakt mit zu Hause, Freunden und Bekannten war nur mittels Briefen möglich. Stoff zum Schreiben gab es schon, aber weil die Briefe zensiert wurden, konnte man nicht viel über Deutschland oder den Krieg schreiben. Briefe kamen oft nicht an oder waren Wochen unterwegs.
Nach einigen Wochen gab es auch Probleme mit der Kleidung, vor allen Dingen mit der Unterwäsche; um jede Woche saubere Unterwäsche zu haben, hatten wir zu wenig Unterwäsche mitgenommen. Zu Hause war das ganz anders, da wurde jede Woche gewaschen, hier ging das nicht, selbst konnten wir nicht waschen, das war nicht vorgesehen. Wohl konnte man Wäsche mitgeben für die Wäscherei, alles musste vorher mit Tinte gekennzeichnet werden, und dann ging oft von dem, was man mitgegeben hatte, etwas verloren. Das war eine Katastrophe. Wohl war es möglich, sich im Betrieb zu duschen, was nach holländischen Begriffen ein besonderer Luxus war. Das war etwas, das ich zu Hause noch nie gesehen hatte, dort wuschen wir uns in einer kleinen Wanne.
Immer öfter kam es vor, dass es nachts Fliegeralarm gab. Tagsüber war das nicht so schlimm, weil wir dann im Betrieb in den Schutzkeller gingen. Die Arbeitszeit lief normal weiter und brauchte nicht nachgeholt werden. Anders war es, wenn die Arbeitszeit zu Ende war und noch keine Entwarnung gegeben war. Dann mussten wir auch nach der Arbeitszeit im Keller bleiben, was nicht lustig war. Während man schon so großen Hunger hatte, musste man wegen des Alarms länger aufs Essen warten. Die Deutschen fanden das selbst auch weniger schön. Auch sie mussten bleiben, bis Entwarnung gegeben wurde, auch wenn kein einziges Flugzeug zu erkennen war.
Es war wieder soweit, nach einigen Stunden Schlaf wurden wir durch den einarmigen Aufseher geweckt: Aufstehen! Fliegeralarm! brüllte er durch den verdunkelten Saal, und da half kein Bitten und kein Flehen, der ganze Saal wurde mit Gewalt geweckt, und dem, der nach der ersten Aufforderung noch liegen geblieben war, wurden durch den Einarmigen die Decken weggezogen. Des Öfteren waren keine Flugzeuge zu hören, sie waren aber irgendwo gesichtet und flogen dann Richtung Rheinland oder Richtung Köln. Es wurde oft zur Sicherheit Alarm ausgelöst. Die Bevölkerung des Dorfes blieb ruhig im Bett liegen und schlief oft an geschützten Stellen in ihren eigenen Kellern. Wir waren auf den Luftschutzraum unter der Kirche angewiesen. Es waren nur einige hundert Meter zu Fuß hinter der Kirche entlang über den Friedhof. War es am Tage schon kein angenehmer Platz, verschwanden wir unter der Sakristei in den Untergrund. Obwohl es ein allgemeiner Schutzkeller war, saßen nur Holländer drin, auch wenn wirklich Gefahr drohte, so wie es jetzt der Fall war. Deutlich war, dass über Köln etwas los war. Scheinwerfer bohrten sich in den Himmel und die Luftabwehr ballerte, Jäger stiegen auf, Ballons klebten am Himmel. Wenn die Scheinwerfer einander kreuzten, war es so gut wie sicher, dass in der Kreuzung ein alliiertes Flugzeug eingefangen war, so dass es für die Luftabwehr ein leichtes war, ihre Geschütze auf den glänzenden Vogel zu richten. Stunden saßen wir in dieser Nacht im Keller, es wurde wenig gesprochen, und weiterschlafen in dem kühlen, kahlen Keller war auch nicht möglich; es standen nur hölzerne Bänke darin. Angst, dass uns war passieren konnte, hatten wir nicht. Wir saßen ja unter der Sakristei, mit etwas Glück saßen wir auch noch unter dem dicken Altarstein, und als Extra wachte Tag und Nacht der Herr über Leben und Tod im Tabernakel. Es sollte kein Haar auf deinem Haupt gekrümmt werden, wenn Gott es nicht wollte. Wo hatte ich das sagen hören? In der Schule während der Katechismusstunde oder in einer Predigt in der Kirche? Jetzt nur hoffen, dass er es nicht wollte, dass die Alliierten eine Bombe auf die Kirche warfen. Dort über Köln wollte er es anscheinend wohl so haben, dort wurden mit seinem Wissen mit Sicherheit wieder Frauen und unschuldige Kinde zu Tode bombardiert. Für wen würde Gott eigentlich sein, für die Holländer oder für die Deutschen? Er wird wahrscheinlich neutral sein, das ist der Weg des geringsten Widerstands, hat er denn nicht in seinen eigenen zehn Geboten das Gebot aufnehmen lassen: „Du sollst nicht töten“. Deutlicher als es in den zehn Geboten steht, geht es nicht, oder gab es da doch Ausnahmen? Nach dem Motto: Normal nicht, aber ich drücke ein Auge zu. Ich war in dem Schutzkeller so in Gedanken versunken, dass ich nur am Aufstehen der anderen Kellerinsassen merkte, dass der Alarm vorüber und die Luft wieder rein war. Nur noch wenige Stunden auf dem Strohsack, und der Tag brach schon wieder an. In der Fabrik konnte man von den Deutschen hören, was passiert war und wo es in der vergangenen Nacht Stunk gegeben hatte, und dass wieder alliierte Flugzeuge abgeschossen worden waren.
Es wird Ende 1941 gewesen sein, als in unserem Dorf eine Gruppe deutscher Soldaten einquartiert wurde. Die Familien wurden im Auftrag des Bürgermeisters besucht. Der Bürgermeister hatte dafür zu sorgen, dass die Soldaten bei den Bürgern Unterkunft bekamen, und es gab kaum eine Entschuldigung, auch wenn die Menschen probierten, drum herum zu kommen. Es wurden ohne weiteres ein oder zwei Mann in jede Wohnung gesetzt, du musstest dich drum kümmern, dass sie einen Platz bekamen. So wurden auch bei uns zwei Soldaten einquartiert; den Wohnraum, in dem wir normalerweise selbst wohnten, mussten wir ausräumen und uns selbst in einem Zimmer einrichten, in dem wir uns normalerweise das ganze Jahr über nicht aufhielten. Wir nannten es das Prunkzimmer (die Gute Stube, Anm. d. Übers.), es gab dort wenig Prunk, aber mit dem, was da stand, ging meine Mutter sehr schonend um. Glücklicherweise war es nicht notwendig, für die Soldaten Betten zu besorgen, die brachten sie selbst mit. Es waren Kerle von ungefähr 25 Jahren, einer von ihnen kam von weit her aus Deutschland, aus Pommern, und der andere kam aus Köln. August hieß der Soldat aus Pommern, wurde aber von seinen Kumpeln Opa genannt. Der andere aus Köln war Willi. Sie waren ziemlich geräuschlos, und wir hatten kaum Ärger mit ihnen, oft brachten sie etwas aus der Soldatenküche zum Essen mit. Willi hatte ein Auge auf meine älteste Schwester geworfen, was zu einem Verhältnis auswuchs, bei uns zu Hause waren wir nicht glücklich darüber. Deutsche waren ja unsere Feinde, und jeder verurteilte jeden Umgang mit dem Feind. Niemand fragte sich, ob wohl jeder Deutsche hinter dem Hitlerregime stand, auch diese Soldaten waren gezwungen, ihren Dienst zu leisten. Wir wussten sicher, dass August und Willi keine Hitlerfanatiker waren und lieber heute als morgen nach Hause wollten.
Nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten zogen sie an die Front, August fiel, und Willi wurde an der Front verwundet. Es gab noch lange einen Briefwechsel zwischen Willi und meiner Schwester, aber nach dem Krieg wurde alles still. Meine Schwester musste ihre unüberlegte Tat nach dem Krieg mit mehreren Monaten Internierung in einem Lager bezahlen. Willi hatte bei seiner Abreise aus Holland seine Heimatadresse hinterlassen, denn sollte jemals jemand von uns in die Nähe von Köln kommen, er würde bei seiner Familie immer willkommen sein. Als ich nach Deutschland musste, hatte ich die Adresse mitgenommen, denn wer konnte damals wissen, dass ich in die Nähe von Köln kommen sollte.
Nun war es soweit, Troisdorf lag nur ein halbes Stündchen entfernt von Köln, nur wie käme ich dorthin. Köln war schon etwas größer als mein Dorf. Ich hatte den Plan, dorthin zu gehen, zuerst mit den Deutschen aus der Fabrik besprochen. Inzwischen war ich schon ziemlich eingebürgert, und weil ich doch erst 17 war, fanden sie mein Schicksal schon bedauerlich. Sie hielten mich für zu jung, um selbst alles zu regeln. Deswegen fragte ich sie manchmal, mir hier und da behilflich zu sein. So auch, wie ich am besten nach Köln reisen könnte. Der Lagerleiter hatte auf meine Bitte eine Karte an Willis Familie geschrieben, dass ich plante, sie am nächsten Sonntag zu besuchen. Weil Köln schon etwas größer war als unser Dorf, und dort ganz bestimmt nicht jeder jeden kannte, war es für einen ausländischen Dorfbewohner doch eine Aufgabe. Die Menschen, die du suchtest, kanntest du nicht, weder die Straße noch das Viertel, in dem sie wohnten. Aber mit den Anweisungen der Deutschen würde es schon gelingen, der Spaßvogel unter ihnen, ein gewisser Klaus, hatte mir geraten, ganz gewiss einmal hinter den Dom zu schauen, das war gemessen an dem Spaß, womit er das erzählte, sicherlich der Mühe wert. So kam ich dann an dem bewussten Sonntag am Hauptbahnhof an, es gab viel Betrieb, überall Militär, das die Bahnsteige bevölkerte. In dem ganzen Trubel suchte ich den Ausgang, wo ich in die Straßenbahn steigen sollte, Linie 10. Den Schaffner sollte ich dann nur fragen, wo ich am besten aussteigen konnte zur Stammstraße in Ehrenfeld. Denn dort war die Adresse, die Willi zurückgelassen hatte. Der Schaffner war mir sehr behilflich, ich hatte ihm zuvor zehn Pfennig Trinkgeld gegeben, was schon von Nutzen war. An der Stelle, wo ich aussteigen musste, erzählte er mir, welche Seitenstraße ich einschlagen sollte, um so in die Stammstraße 22 zu kommen. Es war eine Straße mit hohen Häusern, etwas, das mir völlig fremd war. Über ein knarrendes Treppenhaus, in dem sich in jedem Stockwerk zwei Türen befanden, hinter denen Menschen wohnten, erreichte ich im dritten Stock die Hausnummer 22. Mit zitternden Knien zog ich die Glocke, was hätte ich sagen sollen, wenn die Tür aufginge. Die Tür ging auf, und plötzlich stand ich einer total unbekannten Frau gegenüber. Sie begrüßte mich herzlich, woraus ich entnahm, dass ich willkommen war. Im Wohnzimmer wartete ferner die ganze Familie und war froh, dass ein Holländer, bei dem einer von ihnen einige Monate verbracht hatte, nun zu Besuch kam. Sie wussten natürlich auch von dem Verhältnis zwischen Willi und meiner Schwester und sahen wahrscheinlich in mir ein zukünftiges Familienmitglied. Willi hatte keinen Vater mehr, der war schon im mittleren Alter gestorben. Seine Schwestern und ein Bruder waren zu Hause, auch ein Onkel von Willi war im Zimmer anwesend. Sofort wurde für etwas zu essen gesorgt, Bratkartoffeln mit Bohnen und Fleisch, ich muss sagen, dass ich lange Zeit nicht so lecker gegessen hatte. Das Gespräch ging über Willi, meine Schwester und über die Arbeit, die ich in Deutschland verrichtete. Sie fanden es schön, etwas gut machen zu können für den Aufenthalt ihres Sohnes bei uns in Holland. Der Onkel überraschte mich mit ein paar Päckchen Zigaretten, was ein Luxus war, denn auch in Deutschland waren Rauchwaren nur auf Marken zu bekommen. Der jüngere Bruder von Willi, der noch zu Hause war, war in einer Bäckerei beschäftigt, folglich hatte diese Familie keinen Brotmangel, von daher wurde ich noch mit einigen Brotmarken ausgestattet, mit denen ich in Troisdorf Brot kaufen konnte. Solange wie ich in Troisdorf blieb, würde ich sonntags bei der Familie Breuer willkommen sein, zusammen mit ihrem jüngsten Sohn ging ich Billard spielen, oder wir besuchten eine verheiratete Schwester. Die Brotmarken, die ich bekommen hatte, waren auf jeden Fall ein Pflaster auf der Wunde, die aber weiterhin schmerzte, weil es nicht mehr war als trockenes Brot. Nachdem ich sie noch einige Male besucht hatte, wurde das Reisen für Ausländer in Deutschland eingeschränkt. Im Reisepass wurde ein Stempel angebracht mit dem Hinweis, dass sich Ausländer nur noch in dem Gebiet aufhalten durften, in dem sie beschäftigt waren. Für Troisdorf war das der Kreis Siegburg. Köln gehörte nicht dazu. Wer es trotzdem wagte, das Gebiet zu verlassen, riskierte, aufgegriffen zu werden mit all seinen Auswirkungen. Die Polizei war streng, und sicher würde auf den Bahnhöfen kontrolliert werden. Die Maßnahme der beschränkten Freiheit wurde ergriffen, um die Flucht von Ausländern zu verhindern. So musste ich den Sonntagsausflug zur Familie Breuer aufgeben, weg Sonntagsmahlzeit und weg Brotmarken.
Ich musste mich nach anderen Nahrungsquellen umsehen, die gab es dann und wann. So konnte man bei den Bauern Kartoffeln kaufen, die Schwierigkeit war dann aber das Kochen, dafür gab es im Lager keine Möglichkeit. Dem Lager gegenüber wohnten alte Leute, die gegen eine kleine Entschädigung zwar kochen wollten, aber es gab des Öfteren viele Interessenten, und es dauerte dann lange, bevor man an der Reihe war. In den Geschäften gab es auch noch Artikel ohne Marken zu kaufen, wie: Rhabarber in Gläsern und rote Beeten und Senf. So konnte man dann selbst ein Menu zusammenstellen aus Kartoffeln, Rhabarber und Senf, und doch war dies oft eine willkommene Ergänzung zur täglichen Ration. Auch gab es die Möglichkeit, bei Deutschen kleinere Arbeiten zu erledigen und die mit Lebensmitteln vergüten zu lassen, meistens Brot. Die Deutschen kamen oft zum Lager, um Männer für allerhand kleine Arbeiten zu organisieren. So habe ich einmal mit einem Bierbrauer Bierfässchen im ganzen Umkreis von Troisdorf ausgefahren. Es war ein Waggon mit Bier auf dem Rangierbahnhof angekommen, die vollen Fässer aufs Auto laden und wegbringen und die leeren Fässer wieder zum Waggon bringen, der Samstagnachmittag war schnell verflogen. Es gab etwas zu essen, während auch noch etwas Geld verdient wurde. Nun war Geld für mich persönlich nicht wichtig, dafür konnte doch wenig oder nichts gekauft werden. Neben dem Lager gab es eine Kegelbahn, dort kamen abends die Honoratioren des Dorfes zum Kegeln, also brauchten sie immer jemand zum Aufstellen der Kegel. Es gab dann immer freies Trinken, so musste man probieren, die Zeit zu überstehen. Es gab im Dorf auch ein Kino, da konnte man auch mal hingehen und weiter ein Bierchen trinken, das war dann schon alles, was es zu erleben gab. Die Nächte mit Fliegeralarm waren sehr unregelmäßig, so konnte man wochenlang nachts durchschlafen, und dann gab es Wochen, in denen es jede Nacht wieder so weit war. Wenn es Alarm gab, gingen die meisten nicht mehr zum Schutzkeller unter der Kirche, sondern gingen ins offene Feld. Irgendwo entlang der Bahngleise legte man sich bei trockenem Wetter ins Gras. Auch gab es Schrebergärten, die dann mehr oder weniger ausgeräubert wurden. Vor allem Möhren mussten dran glauben. Lange ging das nicht gut, weil die Eigentümer die Polizei gerufen hatte. Die kamen ins Lager, wo jeder seinen Schrank öffnen musste, ob da nicht irgendetwas aus den Schrebergärten drin war. Wenn das dann der Fall war, wurdest du für weitere Verhöre mitgenommen und eingesperrt. Auch war es für immer vorbei, die Dauer des Fliegeralarms im Freien zu verbringen.
Im Lager wurde viel gesprochen über Flüchten, es waren vor allem die Limburger, die schon länger als ich da waren. Dass Flüchten ein großes Risiko mit sich brachte, war wohl bekannt, man hatte nur beschränkte Freiheit in einem Gebiet, wer das verließ, wurde ohne Pardon aufgegriffen und inhaftiert. Köln, das doch nur einige zig Kilometer entfernt lag, war für uns verbotenes Gebiet. Der Abstand von Köln bis zur Grenze betrug auch noch an die 60 Km. Ohne Gebrauch von der Bahn zu machen, ging es einfach nicht, und wenn man es wagte, konnte man höchstens zu zweit oder noch besser alleine gehen, sonst würde das bei evtl. Kontrollen sofort auffallen. Mitnahme von Gepäck ging auch nicht, weil man weit vor der Grenze schon aus dem Zug musste, um das letzte Stück zu Fuß weiterzugehen. Durch Felder und Wälder musste man heimlich unter Stacheldraht durch versuchen, über die Grenze zu kommen. Die Limburger, die aus der Grenzregion stammten und sich auf beiden Seiten der Grenze einigermaßen auskannten, konnten noch am ehesten einen Versuch wagen. So war ein gewisser Sjang, ein waschechter Limburger, nicht von seinem Plan abzubringen, er wollte nach Hause. Heimweh nach seiner Familie führte zu dem Entschluss, an einem Samstagnachmittag abzuhauen. Er hatte noch versucht, einen Reisegefährten zu finden, aber niemand traute sich das zu. Der Samstag war am besten dafür geeignet, sonntags wurde nicht gearbeitet, und so wurde man also erst montags vermisst. Auch war der Reiseverkehr stärker, und man fiel in der Masse nicht so schnell auf. Sjang nahm Abschied von allen Freunden und zog ab, alles hinter sich lassend. Wenn seine Flucht gelingen würde, musste er in den Niederlanden sehr wohl untertauchen, denn sein Fehlen im Betrieb wurde sicherlich an das Arbeitsbüro in den Niederlanden gemeldet. So konnte man sich unmöglich zu Hause aufhalten, um nicht aufgegriffen und dann in ein anderes Lager abgeführt zu werden, wo es noch schlechter sein sollte als in Troisdorf. Sjang kam nicht über die Grenze, sondern wurde zwischen Köln und der Grenze im Zug angehalten. Er landete im Kölner Gefängnis, seine Haare wurden abgeschnitten und seine Zivilkluft wurde durch gestreifte Gefängniskleidung ersetzt. Das Essen war schlecht, noch viel, viel schlechter als im Lager und beim geringsten Ungehorsam oder zu trägem Befolgen der Befehle der Bewacher gab es eine Tracht Prügel. Nach sechs Wochen wurde Sjang von der Polizei wieder ins Lager zurückgebracht. Die Backenknochen ragten wie scharfe Messer unter seinen Augenhöhlen hervor, millimeterkurzes Haar auf seinem Schädel. Ein Glück für Sjang, dass seine Freunde seine Sache aufbewahrt hatten. Die Geschichte, die Sjang über die vergangenen sechs Wochen zu erzählen hatte, hatte sich gewaschen. Als er an dem bewussten Samstagnachmittag abzog, stand der Fluchtplan fest. Er würde mit der Bahn nach Köln reisen, da würde er umsteigen auf die Bahn Richtung Venlo. Am letzten Bahnhof vor der Grenze in Kaldenkirchen würde er aussteigen, um dann zu Fuß nach Brüggen zu gehen. Brüggen ist ein kleines Dörfchen etwas südlich von Venlo. Zwischen diesem Ort und dem auf niederländischem Gebiet liegenden Swalmen würde er versuchen, die Grenze zu passieren. Er kannte sich aus in dieser Gegend, weil er dort seine Jugend verbracht hatte. Aber Sjangs Pläne erfüllten sich nicht, der Zug von Köln nach Venlo war rappelvoll, viel Militär, das in die besetzten Niederlande reiste und nur ein geringe Anzahl Bürger. Es war schwierig für Sjang, in dem vollen Zug mit all den Uniformen irgendwie mitzubekommen, ob durch die Polizei eine Kontrolle der Reisenden durchgeführt würde, damit er während der Kontrolle den Waggon wechseln konnte, was beim Anhalten des Zuges auf einem Bahnhof möglich gewesen wäre. Er musste alles abwarten, in großer Spannung und Unsicherheit, ob er es bis in die Niederlande schaffen würde. Das Risiko war größer, als er sich vorgestellt hatte, und irgendwie tat es ihm leid, dieses Abenteuer angefangen zu haben. Es waren ja so viele Männer in Troisdorf, die nicht daran dachten zu fliehen, während sie sich in einer genauso miserablen Lage befanden. Aber es gab für Sjang keinen Weg zurück. Und just in dem Moment, in dem er sich Gedanken über seine Flucht machte, betrat die Sicherheitspolizei das Abteil. Sjang war der Dumme, flüchten ging nicht mehr, vielleicht noch lügen, aber die Zeit war zu kurz, um sich einen triftigen Grund auszudenken. Jeder, auch das Militär, wurde kontrolliert, es war eine Formalität, denn sie hatten alle einen Ausweis.
„Ausweis bitte“, sagte die Polizei zu Sjang, der nervös den Reisepass aus seiner Innentasche holte und ihn der Polizei überreichte. Die Polizei blätterte in dem Pass, fand da aber nicht, was für Ausländer notwendig war, und fragte Sjang: „Hast Du einen Urlaubsschein?“ Den hatte er natürlich nicht, was der Polizei inzwischen klar war, auch wenn Sjang sich dumm stellte. Bei der Ankunft auf dem nächsten Bahnhof wurde er der Bahnhofspolizei übergeben. Die Nacht musste er in einer Polizeizelle verbringen. Am nächsten Tag wurde er abtransportiert nach Köln ins Gefängnis. Nachdem er verhört worden war, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gestehen, dass er nach Holland flüchten wollte, und er wurde eingesperrt. Seine Zivilkluft musste er ausziehen und seine Haare wurden abgeschnitten. Tagsüber musste er bei Bewachung in der Stadt arbeiten, Schutt von den Bombardements räumen, Wege und Straßen begehbar machen. Das Essen war erbärmlich schlecht und wenig. Nach der Arbeit folgte Einzelhaft in einer kleinen Zelle ohne Komfort, nur ein Hocker, ein Schlafplatz und eine Scheißtonne. Alles war verdunkelt und bei Fliegeralarm musste er einfach in seiner Zelle bleiben, wo dann Schlafen nicht möglich war. Morgens hieß es schon früh aufstehen, zuerst musste er die Scheißtonne leeren, sich waschen, ein Stückchen Brot mit Surrogat-Kaffee zu sich nehmen, alles im Eiltempo, um dann zum Appell zu erscheinen für den Abmarsch zur täglichen Arbeit. Unterwegs wurde die Straße von den Gefangenen gründlich nach Zigarettenstummeln abgesucht, was oft dazu führte, dass mehrere Gefangene zur gleichen Zeit denselben Stummel im Sprung erhaschen wollten. Die Arbeit zwischen dem Schutt gab manchmal Gelegenheit, Essenswaren oder andere Sachen zu ergattern, weil die Bewohner evakuiert waren. Es war bei Todesstrafe verboten, auch nur das Geringste zu klauen, und doch wurde ein Gefangener erwischt, als er aus einer Wohnung Essenswaren mitgenommen hatte. Was Sjang darüber erzählte, erschien uns fast unglaublich. Am Abend nach der Rückkehr ins Gefängnis mussten sich alle Gefangenen im Innenhof versammeln, der Täter wurde mit den Händen auf dem Rücken gefesselt hereingebracht, an einem Balken war ein Strang befestigt, der Täter musste sich auf einen Hocker stellen und seinen Kopf in die Schlinge stecken, zwei andere Gefangene mussten danach die Schlinge fester ziehen. Während er zwischen Leben und Tod balancierte, musste sein bester Freund ihm den Hocker unter den Füßen wegziehen, und so wurde vor den Augen der Gefangenen jemand wegen eines Happens Essen erhängt. Alle Gefangenen bekamen an dem Abend kein Essen und wurden in ihre Zellen gebracht. So weit die Erzählung von Sjang bei seiner Rückkehr ins Lager.
Es war fast unglaublich, dass Menschen so etwas tun konnten. War der Unterschied zwischen Deutschen dann so groß? Die Deutschen aus der Werkstatt, mit denen ich zusammenarbeitete, waren doch sicherlich nicht unfreundlich, sie waren in meinen Augen nicht besser oder schlechter als Kollegen in niederländischen Betrieben. Wenn der Chef nicht einverstanden war, zeigte er ebenfalls die Grenze, und Schwarzarbeiten war ihnen auch nicht fremd. Es konnte sein, dass sie sich anders gaben, als sie in Wirklichkeit waren.
Wie dem auch sei, das Arbeiten in der Fabrik war nicht das eigentliche Problem des Aufenthalts in Deutschland. Die Probleme außerhalb der Fabrik wurden immer größer. Nach einigen Monaten Aufenthalt war es im Lager so schmutzig, dass es massenhaft Flöhe und Wanzen gab, es konnte ja auch nicht anders sein, wo so viele Männer zusammen hausten und niemals richtig sauber gemacht wurde; es musste irgendwann zu einer Explosion kommen. Es war klar, dass wir vom Lagerleiter die Schuld bekamen, wir waren die Schweine. Nun muss ich schon sagen, dass die Holländer selbst auch nicht direkt mithalfen, den Laden etwas sauber zu halten. Wir waren sozusagen Schmierfinken. Aber wo solltest du den Mut hernehmen, wenn du jeden Tag Hunger hattest und es nie saubere Kleidung gab? Es musste unbedingt etwas geschehen, denn von Wanzen waren die Moffen auch nicht angetan. Es gab nur eine Möglichkeit, und das war, das Lager auszugasen, wir selbst mussten entlaust werden. Wir mussten das Lager räumen; alles was wir besaßen, musste drin bleiben, und so wurde das Lager hermetisch abgeschlossen, Ritzen und Türen wurden abgeklebt. Im Lager wurden Wannen mit Flüssigkeit aufgestellt, die Flüssigkeit wurde angezündet, wodurch Gas entstand, ein Tag und eine Nacht musste das Lager verschlossen bleiben. Für uns selbst wurden auch drastische Maßnahmen ergriffen. Im Betrieb gab es so was wie ein Badehaus, hier mussten wir uns splitternackt ausziehen, die Kleidung kam in ein Kistchen und wurde in einem Ofen ausgegast, was viele Stunden dauerte. Aber auch unsere nackten Körper mussten dran glauben. Ein Deutscher mit einem Eimer mit sagen wir mal Lysol und einem großen Quast schmierte die Schamhaare ein, was heftig brannte, vor allen Dingen auf dem Geschlechtsteil, so dass man sich vor Schmerz krümmte. Danach bekam jeder eine Handvoll grüne Seife und konnte ins Badehaus; an der Decke hingen Leitungen, aus denen über die ganze Decke verteilt Wasser strömte, eiskaltes Wasser. Nach dem Waschen kam man vor einen Lufttrockner, denn ein Handtuch gab es nicht. Stunden saßen wir, jung und alt, auf unseren nackten Hintern und warteten auf unsere Kleidung. Die Nacht musste im Freien verbracht werden, glücklicherweise war es Sommer und nicht kalt.
Die Moffen machten mit uns, was sie wollten. Sie waren nicht auf den Aufenthalt von so vielen Ausländern eingestellt. Wohl aber die Fabriken, da ersetzte man die frei gewordenen Arbeitsplätze, die durch die Deutschen nach Einberufung in die Armee verlassen waren. Aber für die Betreuung außerhalb der Fabrik, wie Behausung, Ernährung und Freizeitgestaltung war nicht gesorgt. Es hätte gelöst werden können, wenn Ausländer bei Familien, deren Männer oder Söhne an der Front waren, untergebracht worden wären. Aber das war nur in seltenen Fällen möglich, denn irgendwo waren Ausländer Feinde aus den besetzten Gebieten, denen man nicht trauen konnte. Wenn Deutsche außerhalb der Arbeit Kontakt mit Ausländern hatten, dann ging das nur heimlich, und andere durften das bloß nicht wissen.
Die Operation der Entlausung war vorbei, die Erniedrigung, denn das war es doch, Menschen stundenlang nackt in einem beengten Raum auf ihre Kleidung warten zu lassen, war ausgestanden. Aber nie würde man das vergessen, weil in diesen Jahren das Schamgefühl sehr groß war. Es ließ den Hass gegen alles, was deutsch war, zunehmen, weil es außerhalb der Fabrik eine Anhäufung von Elend gab. Die Entlausung hatte an den armseligen Sachen deutliche Spuren hinterlassen, das Gas war tief eingedrungen und stank entsetzlich.
Lange war ich der einzige Ausländer in der Klempnerei. Es waren wieder neue Arbeiter aus den Niederlanden angeliefert worden, und einer von ihnen kam in die Klempnerei. Ich fand das sehr schön; denn weil er aus Breda stammte, konnte ich mich mit ihm über die Gegend unterhalten. Auch er wurde als Gehilfe eingesetzt. Frans war sein Vorname, aber die Deutschen hatten ihn in kürzester Zeit einen Spitznamen gegeben. Sie nannten ihn „hünnenpupper“ (gemeint ist das kölsche Wort „Höhnerpöpper“, Anm. d. Übers.). was ins Niederländische übersetzt „kippenschijter“ (richtig übersetzt kippenneuker, Anm. d. Übers.) bedeuten sollte. Auch ich bekam einen Spitznamen zugeteilt und zwar „Kamerad Tulpenzwiebel“. Sie fanden das sicher lustig, und ich hatte auch kein Problem damit, denn durch diese Gruppe wurde man noch ordentlich behandelt. Manchmal fiel auch noch etwas zu Essen ab, und das war doch eigentlich die Hauptsache, so viel wie möglich versuchen, den Hunger zu vermeiden. War das nicht verrückt, dass ein Junge in einem so jungen Alter nur hinter dem Essen her war?
Es war Sommer, und glücklicherweise konnte man sich draußen in die Sonne setzen. Es machte keinen Sinn, in die Kantine zu gehen, um da nur ohne Essen rumzusitzen. Der Zufall ergab sich, dass es direkt neben der Werkstatt eine Zeichenkammer gab, Herren in makellosen weißen Kitteln standen vor ihren Zeichentischen. Unter ihnen waren auch Jungen meines Alters, die Fenster standen offen, und einer dieser jungen Männer zeichnete in seiner Pausenzeit ein Portrait von Hitler, er konnte das anscheinend ohne Vorlage. Er sah, dass ich zu ihm hinüberschaute, und spürte vielleicht zu Unrecht, dass ich an seinen Künsten Interesse hatte oder dafür Bewunderung empfand. Es fragte mich: „Kannst Du das auch?“ Darauf antwortete ich: „Nein, wir haben keinen Führer, wir haben eine Königin.“ Er sagte: „Nein, du hast keine Königin, die ist nach England geflüchtet“, und da hatte er sogar recht. Wie konnte jemand wie dieser junge Mann mal eben so von einem Tyrannen wie Hitler, und dann auch noch aus dem Gedächtnis, ein Portrait zeichnen. Das muss er doch mit der Muttermilch eingesogen haben. Ich konnte mir in dem Moment keine Vorstellung davon machen, wie Wilhelmina aussah, geschweige denn, dass ich ein Portrait von ihr zeichnen konnte. Das eine Mal im Jahr am 31. August, wenn sie Geburtstag hatte und die Protestanten außer Rand und Band waren, weil ihre Königin Geburtstag hatte, war eigentlich das einzige, was ich von ihr wusste. Ich höre es meine Mutter noch zu unseren protestantischen Nachbarn sagen: „Die Königin hat wieder Geburtstag“, dann bejahte diese das, indem sie sagte: „Ja, unsere Königin hat Geburtstag“, und weil wir katholisch waren, dachte ich, dass sie nicht die unsrige war. Aber der junge Zeichner war anders mit seinem Führer erzogen, und er wusste es nicht besser. Vielleicht würde er ein Jahr später, wenn er in Russland an der Front wäre, auch wollen, dass er nie gewusst hätte, wer Hitler war.
Wir wussten wenig von dem, was sich an den Fronten abspielte, wir hatten kein Radio und auch keine Zeitungen. Der Kontakt mit zu Hause war minimal, meine Eltern schrieben mir nie, sie waren nicht vertraut mit dem Schreiben von Briefen, ausnahmsweise schrieb dann meine Schwester. Laut den Moffen aus der Werkstatt eroberten ihre Truppen in Russland noch immer mehr Boden.
Inzwischen hatte ich beträchtliche Magenbeschwerden bekommen, was sicher mit der schlechten Nahrung und der ungesunden Luft in der Fabrik zu tun hatte. Es gab einen Betriebsarzt, den man bei Unfällen und Beschwerden aufsuchen konnte. Für meine Magenschmerzen verschrieb er mir Norit, ein schwarzes, rußähnliches Pulver. Bei starken Schmerzen legte ich mich mit dem Bauch auf ein warmes Dampfrohr, was besser half als das verschriebene Norit.
Unerwartet ergab sich die Gelegenheit eines kurzen Urlaubs nach Holland. Die Deutschen hatten wohl mit Blick auf den kommenden Winter eingesehen, dass es bei den Ausländern zu Problemen mit der Kleidung kommen würde. Der Urlaub würde aber nur in kleinen Gruppen pro Betrieb gestattet werden. Über den Meister konnte man im Büro einen Antrag stellen, und wer tat das nicht. Der Meister der Werkstatt setzte sich dafür ein, denn er hatte mich gebeten, aus Holland Seife und Strümpfe mitzubringen. Ich versprach ihm, das bestimmt zu tun, aber in meinem Hinterkopf wusste ich, dass, wenn ich weggehen durfte, ich sicher nie wieder zurückkommen würde. Auch mussten die Zurückgebliebenen für die Urlaubsgänger bürgen; kamen die nicht zurück, dann durften sie nicht mehr weg. Frans, der andere Holländer aus der Klempnerei, sollte der Dumme sein, wenn ich nicht zurückkäme. Es war also eine schwierige Entscheidung, aber es war Krieg, und jeder betete, dass Gott ihm helfe. So musste Frans also bluten für die unmenschliche Regelung der Moffen. So reiste ich Ende September 1942 aus Troisdorf ab, um dorthin nie wieder zurückzukehren.

Übersetzer:
Gerrit Dekker, Troisdorf 28.8.2006