von Peter Haas
Wer wissen will, was weiland wirklich war …
… der sollte eines der Bücher lesen, die ich so kurz wie möglich vorstellen möchte. Zunächst muss ich eine Warnung aussprechen: Die Titel der Bücher klingen so, dass sie vermutlich fast niemand freiwillig in die Hand nehmen würde: „medizinische Topographie des Siegkreises“, „medizinische Topographie des Kreises Bonn“ und „medizinische Topographie der Stadt Köln“. Wer jetzt meint, es handele sich um medizinische Bücher, der geht nahezu fehl. Das Thema der Bücher versteht man am besten dann, wenn ich kurz skizziere, wie sie entstanden sind:
Nachdem 1815 auf dem Wiener Kongress das Rheinland zu Preußen gekommen war, veranlasste die preußische Regierung eine Bestandsaufnahme von Land und Leuten, mit deren Durchführung sie die Kreise betraute. Eine Kreisverwaltung bestand damals in der Regel aus dem Landrat, dem Kreissekretär, der zugleich Vertreter des Landrats war, dem Kassenrendanten, dem Kreisboten und dem Kreisphysikus (=Kreisarzt), dem noch der Kreischirurgus und der Kreistierarzt zur Seite standen. Da es im Kern der „Inventur“ um die Lebensverhältnisse der Menschen ging, kamen für die Durchführung angesichts des knappen Personals nur die Kreisphysici, die „Amtsärzte“, in Frage. Etwa ab 1820 sammelten diese in ihrem Kreisgebiet alle möglichen Unterlagen, aus denen sie ihre Berichte, „die medizinischen Topografien“, erstellten. Stellvertretend für alle anderen sei hier die Gliederung des Kreisphysikus Dr. Anton Lohmann, wie der Landrat damals in Hennef wohnend, aufgeführt, die offensichtlich von der Regierung vorgegeben worden war, da die anderen Darstellungen ähnlich gegliedert sind.
Im ersten Teil beschreibt Dr. Lohmann Lage, Klima, Bodenverhältnisse und Naturerzeugnisse des Siegkreises.
Den zweiten Teil betitelt er „physischer und moralischer Zustand der Einwohner“. Darin schreibt er unter anderem über die Abstammung, Wohnungen, Feuerungen, Kleidung, Hygiene, Nahrungsweise, Beschäftigung, Vergnügungen, Fortpflanzung, Verhalten der werdenden Mütter, Erziehung der Kinder, Bildung und Moral.
Der dritte Teil handelt von den unterschiedlichen Krankheiten und der Sterblichkeit.
Im Schlussteil wird das Medizinalwesen beschrieben.
In einem Anhang benennt Dr. Lohmann 268 Pflanzen aus dem Kreisgebiet und deren medizinische Wirksamkeit.
Die Bedeutung dieser Arbeiten wird einem erst recht bewusst, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Industrialisierung in der Berichtszeit noch nicht begonnen hatte. Das heißt, dass die Zustände, die hier geschildert werden, nicht wesentlich anders waren als – sagen wir mal – tausend Jahre vorher. Die Kreisärzte vermitteln uns das Bild einer bäuerlichen Gesellschaft, die an einem Fortschritt welcher Art auch immer keinen Anteil hat. Die Schulpflicht beispielsweise steht zwar auf dem Papier, aber der Sprung in die Wirklichkeit will ihr noch nicht gelingen. Wie anschaulich das ist, was die Ärzte uns zu berichten haben, lässt sich am besten an einigen Beispielen darstellen:
Unsere Vorfahren zur Zeit der Römer beschreibt er frei nach dem römischen Schriftsteller Tacitus (S. 86), aber offensichtlich preußisch moralisch: „Also walten sie mit Züchtigkeit, durch keine Lockungen der Schauspiele, durch keine Reizungen des Gastmahls verderbt … Überaus selten waren in den zahlreichsten Geschlechtern Ehebrüche. Erst spät schmeckte der Jüngling der Liebe Geheimnis, und darum blieb auch seine Manneskraft unerschöpft. Vor dem 25. Jahr durfte niemand heiraten, und dann fand man die glücklichsten Ehen. Das Weib war dem Mann sein Alles, und die Weiber vermochten in ihren Männern den höchsten Enthusiasmus zu entflammen.“
Die Zeiten bis hinauf in seine Zeit durchmessend, kommt Dr. Lohmann zu dem Ergebnis (S. 103): „Durch die vielen Kriege und daherige Vermischung mit anderen Völkern als Spaniern, Ungarn und Franzosen, ist der reine deutsche Volksstamm am ganzen Rhein und ebenso auch hier an der Sieg fast ganz verloren gegangen. Den hohen, stolzen Wuchs der alten Sigambrer findet man wenig mehr, ebenso das blonde, lange und schöne Haar und die blauen Augen.“
Über seine Zeitgenossen von Rhein und Sieg berichtet Dr. Lohmann, der aus dem Sauerland stammte und offensichtlich angesichts der rheinischen Mentalität verblüfft war (S. 104 ff): „Die hiesige Gegend bewohnt ein mutiges, lebhaftes und größtenteils kräftiges Volk. Frohsinn, oft mit französischem Leichtsinn gepaart, Gutmütigkeit und im ganzen offenen, mitunter auch festen Charakter findet man in der hiesigen Gegend noch häufig. Ackerbau und Viehzucht ist Hauptbeschäftigung. Starke geistige Getränke, unter der geringeren Klasse Branntwein, unter der mittleren und höheren Wein, werden sehr geliebt und geben bei dem reizbaren und oft leicht beweglichen Charakter und einem hohen Gefühl für Ehre Anlaß zu Raufereien. …Spiel und Trunk ist ihre Lieblingsneigung und hier dann Raufen und Balgen nicht selten. … Keuschheit, diese hohe Tugend, ist leider auch hier in der Gegend, wenn auch nicht ganz verschwunden, doch sehr altmodisch geworden.“
Nach dem historischen Abriss beschreibt Dr. Lohmann die Wohnverhältnisse „auf dem Lande“ (S. 114 ff): Im allgemeinen sind die Wohnungen der Landleute elende Hütten. … Dasselbe Gemach ist Geschäftszimmer, Krankenstube, Geburtslager und Totenkammer. …Die Fenster … sind oft nur Löcher. Man kann sich leicht vorstellen, welche ungesunde und verpestete Luft in solchen Stuben herrschen muß … Eine einzige elende Stube, eine kleine Küche, worin fürs Vieh gekocht wird und worin bei der mittleren Klasse der Backofen angebracht ist, neben der Küche ein erbärmlicher Kuhstall machen das Gebäude aus. Fußböden sind keine gediehlt, Keller und Abtritte keine vorhanden, den letzteren vertritt der Kuhstall oder die ganze Umgebung des Hauses. … In vielen elenden Hütten ist gar kein Kamin und der Rauch muß sich eine Öffnung suchen, die er dann durch ein Loch in der oberen Wand oder der Haustür findet. … Im allgemeinen sind die Lagerstellen … eine gewöhnliche Bettstelle aus Holz. … In diese wird bei der ärmeren Klasse bloß Stroh gelegt, worüber ein schlechtes Leintuch ausgebreitet ist und die Kleidungsstücke des Schlafenden die Oberdecke ausmachen.“
Angesichts dieser Vorgaben wird es niemanden verwundern, dass die Hygiene, die „Reinlichkeit“, wie Lohmann schreibt, „im allgemeinen noch vieles zu wünschen übrig“ ließ: „Bei der niederen Volksklasse … herrscht in den meisten Wohnungen eine höchst ungesunde, mit allen Arten von Dünsten überladene Luft, die nicht selten die Quelle von bösartigen Krankheiten ist…. Die Fenster werden oft das ganze Jahr nicht geöffnet. Die Betten oft lange nicht gewaschen und sind nicht selten voller Flöhe und anderes Ungeziefer. Freilich ist dies nicht nur bei der niederen Volksklasse der Fall. … Bei vielen werden höchstens drei Hemden einmal im Jahr und dann meist nur aus klarem Wasser gewaschen … Weder Wohnung noch Kleidungsstücke, noch irgendein Glied des Körpers bemüht man sich von Dreck und Ungeziefer zu reinigen.“
Wer Lust auf mehr hat, kann sich mit den folgenden Angaben auf Büchersuche begeben:
Quellen zur Geschichte des Rhein-Sieg-Kreises Bd. 14, hrsg. von Heinrich Linn: Die medizinische Topographie von Dr. Anton Lohmann, Rheinlandia Verlag, Siegburg 1997, 20,50 EUR
Dieter Körschner (Hrsg.): Medizinische Topographie des Kreises Bonn von Dr. Anton Velten, eine Beschreibung von Land und Leuten um 1825, Röhrscheid Verlag Bonn 1988
Barbara Becker Jákli (Hrsg.): Köln um 1825 – ein Arzt sieht seine Stadt – Die medizinische Topographie der Stadt Köln von Dr. Bernard Elkendorf, Köln 1999.
Das waren die guten Nachrichten, und jetzt folgt die schlechte:
Das Buch über die Stadt Bonn ist im Buchhandel nicht mehr erhältlich. Natürlich kann man es sich in den Archiven, Bibliotheken und bei guten Freunden ausleihen, und selbstverständlich findet man es inzwischen auf Antik- und Trödelmärkten und modernen Antiquariaten.
Das Buch über Köln ist noch erhältlich, kostet allerdings 44,00 EUR. Dafür ist dieses Buch allerdings ein Prachtband mit zahllosen eindrucksvollen Bildern und Drucken.